Die Bereiche Umwelt und Gesundheit und deren elementare Wechselbeziehung haben spätestens seit der von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) initiierten Ersten Europäischen Konferenz der Umwelt- und Gesundheitsminister 1989 in Frankfurt auch einen ausdrücklichen Stellenwert in der Politik gefunden. Bei dieser Konferenz wurde die Europäische Charta Umwelt und Gesundheit verabschiedet und erstmals die Öffnung zu einem ganzheitlichen Politikansatz zu Umwelt und Gesundheit mit verpflichtenden Zielen erreicht. Die Charta besagt u. a., dass jeder Mensch Anspruch hat einerseits auf eine Umwelt, die ein höchstmögliches Maß an Gesundheit und Wohlbefinden ermöglicht und andererseits auf Information über die Lage der Umwelt sowie über Pläne, Entscheidungen und Maßnahmen, die voraussichtlich Auswirkungen auf die Umwelt und Gesundheit haben.
Umweltschutz ist Gesundheitsschutz und Gesundheitsschutz ist Umweltschutz.
An der Schnittstelle zwischen Umwelt und Gesundheit steht die Umweltmedizin. Die Kernpunkte der Umweltmedizin sind die interaktive Beziehung Mensch – Umwelt, der primär bevölkerungsmedizinische (und nicht individualmedizinische) Ansatz und die präventive Ausrichtung (Gesundheitsschutz, Gesundheitsförderung).
Wie in allen empirischen Wissenschaften, kann auch in der Umweltmedizin die Allgemeingültigkeit nur durch das signifikant häufige Auftreten einer Beobachtung abgeleitet werden. Die Ableitung einer Kausalbeziehung aufgrund epidemiologischer Daten erfordert neben der Beachtung einer statistisch signifikanten Assoziation noch weitere Kriterien (Konsistenz, Spezifität, Stärke der Assoziation, Dosis-Wirkungsbeziehung, biologische Plausibilität, richtige zeitliche Beziehung). Die Unschädlichkeit eines Umweltfaktors wird allerdings niemals bewiesen werden können, da ein Negativbeweis aus wissenschaftstheoretischen Gründen nicht zu erbringen ist.
Die Umwelt des Menschen ist vielfältig: sie besteht aus den Elementen Luft, Wasser und Boden, beinhaltet die Nahrung und Kleidung ebenso wie das Klima und den Raum und erstreckt sich darüber hinaus auf das soziale und geistige Umfeld. Umweltfaktoren, die die geistige und körperliche Gesundheit beeinflussen können, sind physikalischer (z. B. Lärm, Strahlung, Beleuchtung), chemischer (z. B. chemische Substanzen, Staub, Tabak, Haut reizende Stoffe, Nahrungsmittelzusatzstoffe), biologischer (Bakterien, Viren, Parasiten), psychologischer (z. B. Stress, Beziehungen zu anderen Menschen) und Unfall bezogener Natur. Die Wirkung eines Umweltfaktors auf ein Individuum hängt sehr stark von den Eigenschaften – also genetische Faktoren, Alter, Geschlecht, Persönlichkeit, Ernährung, körperliche Verfassung und Krankheiten – des Individuums ab. Gesundheit wird nicht durch die Abwesenheit schädlicher Umweltfaktoren oder Reize aufrechterhalten, sondern durch die Fähigkeit des Organismus, diese Faktoren ausgleichen zu können. Dieses körpereigene Kompensationsvermögen wird umso kleiner, je mehr und je länger Belastungen auf den Organismus einwirken. Wesentliche Aspekte bei der Abschätzung der biologischen und gesundheitlichen Wirkung schädigender Reize (Noxen) sind die Intensität, die Dauer, die Interaktion (Summation, Potenzierung, Synergismus) und die Sensibilität. Tendenziell schädigen schwache Noxen bei lange dauernder Einwirkung mehr als starke Noxen bei kurzer Dauer.
Es wird geschätzt, dass etwa 10 bis 15 % der Erkrankungen durch Umweltschadstoffe verursacht werden. Gerade bei gesundheitlichen Störungen, bei denen man keine innere Krankheit oder seelische oder psychosomatische Ursache feststellen kann, ist an eine umweltbedingte Störung zu denken.
Als Umweltkrankheiten können z. B. die „Sevesokrankheit“ in Italien, ausgelöst durch Dioxine, die Itai-Itai-Krankheit in Japan durch Cadmium, die Minamata-Erkrankung aufgrund einer vermehrten Aufnahme von alkylierten Quecksilberverbindungen über die Nahrung und das vereinzelte Auftreten von Pleuramesotheliomen in Nachbarschaft langzeitig Asbest emittierender Fabriken angesehen werden. Insbesondere Störfallsituationen können Umweltkrankheiten bei Anwohnern von Industrieanlagen bedingen.
Eine Vielzahl von grundsätzlich in der Allgemeinbevölkerung häufig zu beobachtenden weitgehend unspezifischen Symptomen wird in den letzten Jahren verschiedenen umweltassoziierten Einflüssen zugeordnet und z. B. als Holzschutzmittelsyndrom, Multiple Chemical Sensitivity bzw. Idiopathic Environmental Intolerance, Sick-Building-Syndrome oder Chronic-Fatigue-Syndrome bezeichnet. Auch wenn ein Kausalzusammenhang zwischen den Umwelteinflüssen und den auftretenden Beschwerden wissenschaftlich nicht eindeutig belegt ist, müssen diesbezügliche Ängste ernst genommen werden. Darüber hinaus wird die Angst vor Umwelteinflüssen nicht selten selbst zur Ursache von Gesundheitsstörungen.
Im weiteren Sinn wird jede Krankheit entweder von Umweltfaktoren oder von genetischen Faktoren (wie etwa das natürliche Altern des Körpers) verursacht. Es ist schwierig, die relativen Anteile der einzelnen Faktoren an der Gesamtmorbidität und der Gesamtmortalität in einer Bevölkerung zu bestimmen, denn die wichtigsten Krankheiten haben mehrere Ursachen. Außerdem ist zu bedenken, dass auch die Umweltfaktoren sich auf vielfältige Weise gegenseitig beeinflussen können. In umweltepidemiologischen Studien werden die einzelnen Faktoren allerdings oft isoliert betrachtet.
Weil die Exposition gegenüber schädlichen Umweltfaktoren häufig aus einer industriellen oder landwirtschaftlichen Aktivität resultiert, die der Bevölkerung wirtschaftliche Vorteile bringt, ist die Ausschaltung dieser Umweltfaktoren unter Umständen teuer. Die Umweltverschmutzung verursacht jedoch häufig selbst hohe Kosten. Es geht im öffentlichen Gesundheitswesen darum ein akzeptables Gleichgewicht zwischen den Gesundheitsrisiken und den wirtschaftlichen Kosten der Prävention zu finden. Die weltweiten Umweltänderungen wie die globalen Temperaturänderungen, das wachsende Ozonloch, ultraviolette Strahlung etc. sind eine zusätzliche Herausforderung für die Umweltepidemiologie der nächsten Jahrzehnte.
Im Spannungsfeld von Politik, Ökonomie und Wissenschaften kommt der Umweltmedizin eine moderierende Funktion zu, die verschiedenen Disziplinen und ihre Ansätze zusammenzuführen, die problemzentrierte Analyse eingebrachter Informationen zu lenken, in Ziel- und Interessenskonflikten zu vermitteln und die gewonnenen Erkenntnisse in eine für Bürger, Politik und Verwaltung handhabbare Form zu überführen (Risikokommunikation).
Keine noch so gut durchdachte Technologie und kein noch so gutes Überwachungskonzept sind in der Lage, Risiken völlig auszuschließen. Ziel aller Bemühungen sollte daher sein, Risiken frühzeitig zu erkennen und rechtzeitig Maßnahmen zu deren Minimierung zu treffen – zur Erhaltung und zur Verbesserung der Gesundheit der Menschen und zur Erhaltung unserer Umwelt.
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