News

LOKAL

LH Kaiser traf mit Sozialphilosoph Oskar Negt zusammen

16.06.2014
Gemeinsames Gespräch aus 2013 nun als Buch (Nur noch Utopien sind realistisch) herausgegeben – Präsentation in der Arbeiterkammer
„Nur noch Utopien sind realistisch“, so lautet der Titel des Buches, das ein Gespräch zwischen Oskar Negt und Landeshauptmann Peter Kaiser dokumentiert. Negt, Jahrgang 1934, ist einer der bekanntesten und bedeutendsten Sozialwissenschaftler Deutschlands, führender Denker der „Kritischen Theorie“ und auch mit der Gewerkschaftsbewegung eng verbunden. Das Buch ist im Wieser Verlag in der Reihe „gehört, gelesen und gesehen“ erschienen und wurde von Heinz Pichler und Elke Gruber herausgegeben. Der Untertitel: „Perspektiven und Wegweisungen für eine solidarische Gesellschaft. Oskar Negt im Gespräch mit Peter Kaiser“.

Heute, Montag, wurde das Buch in der Arbeiterkammer Kärnten von den beiden befreundeten Gesprächspartnern, Oskar Negt und Peter Kaiser, präsentiert. Das Gespräch moderierten Angelika Hödl (Radio Agora) und Heinz Pichler (AK-Bildungsexperte). Demokratie, Partizipation, Bildung, soziale Gerechtigkeit und EU wurden angesprochen. Negt referierte bereits 2012 in der AK Kärnten, kam dann wieder am 6. September 2013 und erfüllte nun die damalige Zusage, wieder zu kommen, wenn Kaiser zum Landeshauptmann gewählt würde.

Demokratie ist für Negt die einzige staatlich organisierte Einrichtung der Gesellschaft, die gelernt werden muss. Demokratie müsse täglich gelernt werden, das sei auch sein Lieblingszitat von Oskar Negt, bekannte der Landeshauptmann. Demokratie sei auch auf längere Sicht auch die kostengünstigste Organisationform, sagte Negt.

Negt war 2012 mit dem August Bebel-Preis ausgezeichnet worden, damals sagte Laudator Heribert Prantl (von der Süddeutschen Zeitung): „Das Leben wird weiterhin ungerecht beginnen und es wird weiterhin ungerecht enden. Dafür, dass es dazwischen einigermaßen gerecht zugeht – dafür stritten Leute wie August Bebel; und dafür streiten Leute wie Oskar Negt.“ Negt sieht die Entwicklung in der EU mit großer Sorge, denn die Menschen würden nicht mitgenommen, der Rechtsradikalismus wachse und dieser lebe von der wachsenden Angst.

Negt und Kaiser betonten das kritische Denken und die Reflexion über gesellschaftliche Trends. Dogmatismus sei Kriegsvorbereitung im Denken, so Negt. Kaiser wies auf den Fetischcharakter hin, den das Geld inzwischen bekommen habe. Bildung müsse die politische Urteilskraft stärken, wurde betont. Der Landeshauptmann sprach von der Bildung als „der Hauptspeise des Lebensmenüs“, dies könne er nur unterstreichen, so Negt. Bildung brauche Kritik und Bildungsprozesse müssten neben der kognitiven auch die emotionale und soziale Dimension einschließen. Bildung brauche eine andere Zeitstruktur als jene der raschen Verwertbarkeit. Der Sozialphilosoph kritisierte in diesem Zusammenhang den Bologna-Prozess.

Kaiser wies auf Kärntner Initiativen hin, wie die Schaffung von Bildungszentren, die alle Bildungsinstitutionen räumlich und pädagogisch unter einem Dach versammeln. Damit werde der Lernraum Schule zum Lebensraum gestaltet. Auch mit der Hochschulkonferenz und mit der Scientific Community im Alpen Adria Raum sei man dabei, interdisziplinär Synergien zu nutzen.

Negt war Assistent bei Adorno und berichtete über seine Beziehung der Nähe und Distanz zu ihm. Vor allem das öffentliche Denken habe er von Adorno bzw. der Frankfurter Schule gelernt und das habe ihn geprägt. Auch über seine Kindheit und Flucht aus Königsberg erzählt er. Von Symboltieren war auch die Rede. Kaiser nannte die Ameise, die wieder aufbaut und neu beginnt. Für Negt ist es der Maulwurf als Signal unterirdischer Vernetzung.

An der heutigen Präsentation nahmen auch Landtagspräsident Reinhart Rohr, Landesschulratspräsident Rudolf Altersberger und AK-Direktor Winfried Haider teil. Die Gäste wurden von Gerwin Müller, VHS-Geschäftsführer und stv. AK-Direktor, begrüßt. Statements zur Publikation wurde per Video von Verlagschef Lojze Wieser und Mitherausgeberin Elke Gruber eingespielt.
Negt wird am Mittwoch in Wien im Rahmen der Wiener Vorlesungen zur EU sprechen. Negt ist 1934 in Ostpreußen geboren, seit 1970 ist er Professor für Soziologie in Hannover. Neben seiner wissenschaftlichen Arbeit wandte er sich immer wieder tagespolitischen Themen zu. Zuletzt erschienen „Gesellschaftsentwurf Europa“ (2012) und „Nur noch Utopien sind realistisch“ (2012).


Rückfragehinweis: Büro LH Kaiser
Redaktion: Karl Brunner, Schäfermeier
Fotohinweis: Peter Just