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Nationalfeiertag: Gedenkfeier von Memorial Kärnten Koroška in Klagenfurt-Annabichl

26.10.2016
LH Kaiser gegen Abwertung des Politischen – Aufrüttelnde Festrede von Miguel Herz-Kestranek
Am Friedhof Klagenfurt-Annabichl wurde heute am Nationalfeiertag die Gedenkfeier von Memorial Kärnten-Koroška (MKK) abgehalten. Der Verein versteht sich als Plattform gegen das Wiederaufleben von Faschismus, Rassismus und Antisemitismus. Das Gedenken an die Opfer und aktuelle Herausforderungen in Europa standen im Mittelpunkt der Reden. Appelliert wurde von allen, Europa zu stärken, das gemeinsame Denken und Handeln auf Basis der europäischen Werte zu erkennen und zu fördern.

Landeshauptmann Peter Kaiser sagte, dass das Gedenken an die Opfer des Faschismus lange Zeit nicht selbstverständlich gewesen sei. Nunmehr habe sich das kollektive Gewissen weiterentwickelt und das Gedenken schließe jene mit ein, die ausgelöscht wurden. Dennoch stelle sich ihm auch die Frage nach dem Nutzen von Gedenkkultur. Diese Frage sei letztlich nicht endgültig zu klären, so Kaiser. Hier in Annabichl sei es durch die neue Gedenkstätte gelungen, einigen der zahlreichen NS-Opfer ihre Würde, ihre Namen und ihre Identität posthum zurückzugeben.

Allerdings habe er mehr und mehr das Gefühl, dass das Politische immer mehr lächerlich gemacht werde. Es sei öfters gleichsam zur Mode geworden, Demokratie, Parteiensystem, Pluralismus abzuwerten. Dieses „Nie Wieder“ und „Wehret den Anfängen“, das über den Gräber der Opfer stehe, gelte über die Gräber hinaus, denn es stelle sich gegen Diktaturen, gegen Hetze und Unterdrückung. In diesem Zusammenhang müssten auch solchen Gedanken, die Zwietracht säen, wie etwa Bürgerkriege herbeizureden, entgegengetreten werden.

„Wenn wir - die Nachgeborenen - im Hinblick auf die NS-Schreckens- und Gewaltherrschaft uns als „Spätgeborene“ glücklich schätzen dürfen, nicht die schrecklichen Erfahrungen unserer Eltern- und Großelterngeneration gemacht haben zu müssen, so leitet sich für uns der Auftrag ab, alles dafür zu tun, um eine liberale und demokratische Grundordnung immerwährend zu sichern. Das Unheil, das eine ganze Generation erfasst hat, sei uns Mahnung und Auftrag im gemeinsamen Ringen um Freiheit, Demokratie und Menschenrechte“, so Kaiser.

Feiern wie die heutige erinnern uns daran, wie viele Opfer und welch unvorstellbar großes Leid nicht nur damals, sondern immer dann für die Menschen entstehe, wenn nationale Egoismen überhand nehmen und durch Schüren von Misstrauen, Neid, Hass und Zwietracht sich zum Deckblatt für politisch oder religiös motivierte Allmachtsfantasien entwickelten, machte der Landeshauptmann deutlich.

Klagenfurts Bürgermeisterin Maria-Luise Mathiaschitz betonte ebenfalls die Wichtigkeit von Gedenk- und Erinnerungskultur und appellierte, dass jeder Sorge dafür tragen könne und solle, damit sich Menschenverachtendes wie damals nicht mehr wiederhole. Gerade heute sollen wir daran denken, Toleranz zu leben und zu bewahren. Die Bürgermeisterin dankte MKK-Obmann Franc Wakounig, weiters Peter Gstettner für seine vielfältigen Gedenkarbeiten, dem Architekten Klaus Holler für die Gestaltung der Gedenkstätte für die Opfer für ein freies Österreich am Friedhof Annabichl sowie Helge Stromberger, der sich mit der Namenforschung der NS-Opfer intensiv und seit langem befasst.

Die Festrede hielt der bekannte Schauspieler und Buchautor Miguel Herz-Kestranek. Als Sohn und Enkel von Emigranten, die der NS-Verfolgung ins Exil entkommen waren, widmet er sich auch intensiv der Thematik von Emigration, Exil und Gedenkkultur. Auch er hegt Zweifel an der Erziehungskraft von Gedenkstunden zu Humanismus und an der Tauglichkeit von Gedenken. Daher plädiert er dafür, das Gedenken in einen Zusammenhang mit dem eigenen Gewissen zu stellen und Gewissensforschung zu betreiben. Also Fragen nach der eigenen Charakterstärke zu stellen, ob man ein Gleichgültiger, ein Hinschauender, ein Täter oder ein Wacher oder gar Widerstandskämpfer gewesen wäre.

Bundesrätin Ana Blatnik trug Zusammenfassungen der Reden in slowenischer Sprache vor. Architekt Klaus Holler erläuterte die Gedenkstätte mit Granitblock und Granitsitzbank. Sie wird in einer weiteren Bauphase ergänzt, um die Anlage sichtbarer und die Auffindbarkeit von Gräbern in den einzelnen Gräberfeldern des Friedhofs zu erleichtern.

Wie Helge Stromberger sagte, würden am Friedhof mindestens 323 Nazi-Opfer begraben sein. Die Zahl dürfte aber höher liegen, unter den Opfern waren auch viele Kinder und Jugendliche. Die Gräber hätten nach 1945 nicht aufgelassen werden sollen.

Ilse Gerhardt dankte Miguel Herz-Kestranek sowie auch Alfred Goubran und Lukas Lauermann für die gesangliche und musikalische Gestaltung. An der Gedenkstätte musizierte auch Michael Erian. Mirjam Zwitter-Šlemic moderierte die Veranstaltung in der Halle und begrüßte die Vertreter der Opfer- und Vertriebenenverbände sowie die Ehrengäste, unter ihnen auch der slowenische Generalkonsul Milan Predan. Zuvor wurden Kränze an der Gedenkstätte niedergelegt: „Den Opfern für ein freies Österreich in einem demokratischen Europa“.


Rückfragehinweis: Büro LH Kaiser
Redaktion: kb
Fotos: LPD/Just