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Polypharmazieboard: Medikamenten-"Konsum" um 30 Prozent reduziert

13.05.2019
LHStv.in Beate Prettner legte erste Bilanz für österreichweites Pioniermodell zur Medikamentenreduktion vor - Hauptverbandschef Biach will es auf ganz Österreich ausrollen und forderte Ausbildung von klinischen Pharmazeuten - GKK-Direktor Lintner sprach von ökonomischen Auswirkungen


Klagenfurt (LPD). Wie viele Medikamente sind zu viel? Es ist keine Seltenheit, dass Patienten 10 bis 15 Medikamente pro Tag zu sich nehmen. In Einzelfällen werden sogar mehr als 20 Medikamente registriert. "Mit dem Polypharmazieboard hat Kärnten ein starkes und österreichweit einzigartiges Zeichen gegen die Viel-Medikation gesetzt", sprach heute, Montag, Alexander Biach, Vorstandsvorsitzender des Hauptverbandes der Sozialversicherungsträger, Kärnten im Rahmen einer Pressekonferenz ein Lob aus. Vor allem bei älteren Menschen sei die Gefahr der Medikamentenhäufigkeit stark ausgeprägt - "und damit sind sie der Gefahr der Wechselwirkung ausgesetzt", betonte Gesundheitsreferentin LHStv.in Beate Prettner.

Gemeinsam mit der GKK Kärnten wurde daher im Jahr 2012 das Pilotprojekt des Polypharmazieboards am LKH Villach gestartet. Es handelt sich dabei um einen Zusammenschluss von rund fünf Experten aus diversen Fachbereichen wie Neurologie, Interne, Pharmazie. Diese Experten besprechen die Medikation jedes Patienten, analysieren die Notwendigkeit jedes einzelnen Medikamentes, suchen nach Alternativen und Reduktionsmöglichkeiten. Am 1. Jänner 2018 wurde das Projekt auf das Klinikum Klagenfurt ausgeweitert. An beiden Standorten sind jeweils 150 bis 170 Patienten in das Board aufzunehmen, so die Vorgabe. "Mitte des heurigen Jahres wird die erste Evaluierung vorliegen, doch schon jetzt kann gesagt werden: Wir sind sehr erfolgreich unterwegs", gab Prettner bekannt. Die konkreten Zahlen: Im Durchschnitt nahmen die betroffenen Patienten 14,1 Medikamente ein; nach dem Board waren es 9,9 Medikamente. Das entspricht einer Reduktion von 30 Prozent.

Laut Prettner seien vor allem Patienten der Psychiatrie und Psychotherapie betroffen, dann folgen ältere Menschen. "Die am häufigsten abgesetzten Medikamente betreffen die Gruppe der Schmerzmittel, Magenschutz und Blutgerinnungsmittel", informierte die Gesundheitsreferentin.

Wie GKK-Direktor Johann Lintner erklärte, würde das Polypharmazieboard nicht nur Qualitätsvorteile für die Patienten mit sich bringen, sondern auch ökonomische Vorteile haben: "In Kärnten wendet die GKK pro Jahr 190 Millionen Euro für Heilmittel auf. Vor allem bei den Pensionisten sind die Ausgaben enorm: Durchschnittlich kommen auf einen Pensionisten 1.060 Euro, womit wir über dem Österreich-Schnitt liegen." Grund dafür sei die Tatsache, dass Kärnten die meisten Ausgleichszulagenbezieher aufweise. Sie sind ja von der Rezeptgebühr befreit.

Für Biach wäre es wünschenswert, wenn das Polypharmazieboard auf ganz Österreich ausgerollt werde. "Wir sprechen hier von einem innovativen Projekt mit Modellcharakter", ist Biach überzeugt. Und noch einen Wunsch äußerte der Hauptverbandschef in Richtung Gesundheitsministerium: "Klinische Pharmazeuten wären notwendig und wichtig. Ein entsprechendes Curriculum sollte für den Lehrplan der Unis erstellt werden", will der Vorstandsvorsitzende die "Gesamtschau" auf die Medikamentenverschreibung im Studium verankert wissen.

Verankert möchte Biach auch die e-Medikation sehen: Derzeit fehlen uns mit Wien und Burgenland noch zwei Bundesländer. "Die elektronische Medikamentenliste schafft einen Überblick über sämtliche einzunehmende Arzneien. Sie könnte quasi eine Ergänzung respektive die Basis für das Polypharmazieprojekt sein", betonte er. Laut Biach wurden bis dato für Kärnten 4,4 Millionen Verordnungen in das e-Medikationssystem eingespeist. "Österreichweit sind wir bei 34 Millionen Verordnungen."

Wie Prettner informierte, laufe der Polypharmazievertrag für die beiden Spitalsstandorte Villach und Klagenfurt vorerst noch bis 2021. "Ich gehen aber davon aus, dass wir aufgrund des bisherigen erfolgreichen Verlaufes das Projekt verlängern und erweitern."



Rückfragehinweis: Büro LHStv.in Prettner
Redaktion: Grabner/Zeitlinger
Fotohinweis: Büro LHStv.in Prettner