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Landtagsenquete zu „Veränderte Gesellschaft, veränderte Familie, veränderte Schule“

Landtagsenquete zu "Veränderte Gesellschaft, veränderte Familie, veränderte Schule" 15.10.2019
Bildungsreferent LH Kaiser: Lernraum Schule wird künftig im hohen Maße als Lebensraum zu sehen sein - Landtagspräsident Rohr: Gesellschaftliche Veränderungen sind deutlich spürbar in Schulen zu bemerken - Bildungssystem vor großen Herausforderungen


Klagenfurt (LPD). Im Landesarchiv in Klagenfurt fand heute, Dienstag, eine Enquete des Kärntner Landtages zum Thema „Veränderte Gesellschaft, veränderte Familie, veränderte Schule - Den aktuellen Herausforderungen im Schullalltag erfolgreich begegnen“, statt.


Bildungsreferent Landeshauptmann Peter Kaiser begann sein Statement mit einem Zitat des britischen Naturforschers Charles Darwin: „Nichts in der Geschichte des Lebens ist beständiger als der Wandel“. Davon betroffen sei nicht nur die Gesellschaft, sondern auch die Schulen, die ständig mit großen Herausforderungen konfrontiert werden. „Veränderungen sind Kennzeichen von Gesellschaften und ihren Kulturen. Allerdings geschahen diese Veränderungen früher in einer deutlich geringeren Geschwindigkeit“, betonte Kaiser. Dass sich die Lebenswelt der Kinder und Jugendlichen vielfältig und nachdrücklich verändert habe, sei ein Faktum. Auf diesen schnellen Wandel müssen auch die Schulen reagieren, wenn sie ihren Bildungsauftrag gerecht werden wollen.


Dass das Bildungssystem sich dabei in einer ambivalenten Situation befinde sei ebenfalls klar. Einerseits soll und muss die Schule modern und innovativ sein und auf die Veränderungen reagieren und die Schülerinnen und Schüler auf deren Zukunft vorbereiten. Andererseits habe die Schule jedoch die Aufgabe bestimmte Inhalte und Werte zu wahren und an die nächste Generation zu übermitteln. „Diesen Spagat zu leisten ist außerordentlich schwierig. Die Herausforderungen an die Lehrer bzw. die Schulorganisation aber auch an die Erziehungsberechtigten wachsen rapide“, so Kaiser.


Durch die Digitalisierung unserer Lebenswelt gäbe es zudem ein verändertes Sozialverhalten. Machte man sich bis zur Jahrtausendwende in der Erziehung von Kindern und Jugendlichen vor allem über die Dauer und die Inhalte von Fernsehsendungen Sorgen, so wechselt seit dem Aufkommen von Handys und Internet sogar die Expertenrolle. „Kinder weisen ihre Eltern in den Umgang mit den neuen Medien ein“, stellte der Landeshauptmann fest. Einen entscheidenden Einfluss auf das Verhalten von Jugendlichen haben auch die Social Media Communities „Traditionelle soziale Netze wie Vereine, Kirchen, politische Gruppierungen verlieren vor allem in den Städten an Bedeutung“, so Kaiser.


Den bisherigen Lernraum Schule werde man künftig in einem höheren Maße als bisher als Lebensraum zu sehen haben. Daher sei es wichtig, neue Maßnahmen anzudenken. „Dazu gehört die Errichtung von Bildungszentren ebenso wie von verschränkten Ganztagesschulen und modernen Elementarpädagogischen Bildungseinrichtungen“, so Kaiser, der auch davon überzeugt ist, dass man mit Clustern und der Schulautonomie die eine oder andere Ressource ebenfalls noch heben werde können.


Landtagspräsident Reinhart Rohr betonte, dass die gesellschaftlichen Veränderungen auch deutlich spürbar in Schulen zu bemerken seien. „Das Bildungssystem steht vor großen Herausforderungen. Es gilt künftig viele Fragen zu lösen und jeder ist aufgefordert, seinen Beitrag dazu zu leisten“, so Rohr. Kärnten zur kinder- und jugendfreundlichsten Region zu machen sei das erklärte Ziel.


Bei der Enquete, sie wurde von Christof Glantschnig (ORF Kärnten) moderiert, nahmen fünf Referenten zum Thema Stellung.


Primarius Wolfgang Wladika (Klinikum Klagenfurt) referierte zum Thema - „Die Unangepassten - Schnittstelle zwischen Schule und Kinder- und Jugendneuropsychiatrie“. Laut Experten habe jedes Fünfte Kind psychische Probleme, darunter auch Burnout, betonte der Kinder- und Jugendpsychiater. Lob gab es vom Abteilungsvorstand der Neurologie und Psychiatrie des Kindes und Jugendalters für das Modell der Time Out Gruppen für verhaltensauffällige Kinder. Im heurigen Schuljahr gibt es in Kärnten insgesamt 39 solcher Gruppen.


Bildungssprecher NAbg. Wendelin Mölzer thematisierte „Wahlfreiheit und Vielfalt des Angebotes sichern die Qualität in der Bildungspolitik“. Er bescheinigte dem Bildungssystem viele positive Eckpunkte. Forciert gehört für ihn die Schulautonomie und der Ausbau einheitlicher Bildungsstandards.


Univ. Prof Heinz Faßmann, Bundesminister a.D. für Bildung Wissenschaft und Forschung, stellte „Veränderte demographische Strukturen, veränderte Schule? - Aktuell Herausforderungen im Bildungssystem“ in den Mittelpunkt seiner Ausführungen. Er verneinte nicht, dass die Zuwanderung neue Wert-, Normen- und Sozialisationsmuster mit sich bringe. „Die Herausforderungen und Anforderungen an das Bildungssystem und die Gesellschaft haben sich geändert. Die Politik muss in die Gesellschaft hineinhören. Bund und Länder sollten sich nicht kontrovers im Bildungsbereich gegenüberstehen“, betonte Faßmann.


Dieter Duftner, CEO Duftner digital Group, ließ mit dem Thema „Der (einzige) Weg aus der Kreidezeit- Bildung radikal und realistisch digitalisieren“ aufhorchen. Ein Stress-Faktor für Kinder- und Jugendliche sei die Digitalisierung. Für den Arbeitsmarkt sei sie aber unverzichtbar. „Man hat aber nicht gemerkt, wie man intelligent am Smartphone Lernprozesse macht. Das ist jetzt unser Weg, dass wir sagen, lernen muss so sexy werden wie WhatsApp. Dann muss es aber auch so eingesetzt werden, dass es keinen Overload gibt, sondern es muss gezeigt werden, dass das Smartphone auch als Bildungsträger funktionieren kann“, sagte der Experte für Digitalisierung.


Univ. Prof. Peter Schlögl (Institut für Erziehungswissenschaften und Bildungsforschung, Alpen-Adria-Universität Klagenfurt) beleuchtete „Die Schule von heute für die Welt von morgen“. Wenig Personal, wenig Zeit, und zunehmende Erziehungs- statt Bildungsaufgaben skizzierte er sie. „Ein Teil des Leistungsdrucks ist gesellschaftlich gewollt. Hier repräsentieren wir unsere kapitalistische Wettbewerbsgesellschaft. Die Frage ist, ob wir diesem Druck schon Kindern aussetzen wollen oder ob wir nicht einen Schonraum brauchen, wo Jugendliche sich erproben können, wo sie sich auch einmal langweilen können, ohne in einen Terminplan fix eingeplant zu sein“, so der Erziehungs- und Bildungswissenschaftler.


Bei der Enquete ebenfalls vor Ort: Landesrat Martin Gruber, dritter Landtagspräsident Josef Lobnig, Klubobmann Markus Malle, die stellvertretenden Klubobleute Andreas Scherwitzl und Christian Leyroutz, zahlreiche Abgeordnete, der stellvertretende Landesamtsdirektor Markus Matschek, Bildungsdirektor Robert Klinglmair sowie Vertreter von Ämtern und Behörden.



Rückfragehinweis: Büro LH Kaiser, LT-Präsident Rohr
Redaktion: Michael Zeitlinger
Fotohinweis: LPD Kärnten/Gert Eggenberger