Presseaussendungen

POLITIK

Land Kärnten übernimmt erstmals offiziell Verantwortung für institutionalisierte Gewalt an Kindern und Jugendlichen

31.01.2020
LH Kaiser und LHStv.in Prettner bei Symposium zu Gewalt in Kärntner Institutionen – Wissenschaftliche Studie arbeitete Gewaltvorkommnisse in Einrichtungen des Landes auf


Klagenfurt (LPD). Einen Tag nach dem Landesakt „Geste der Verantwortung“ im Klagenfurter Konzerthaus, bei dem mit Landeshauptmann Peter Kaiser und LHStv.in Beate Prettner erstmals die Politik offiziell Verantwortung gegenüber jenen Opfern übernahm, die als Kinder und Jugendliche Gewalt in Kärntner Institutionen erlitten haben, fand heute, Freitag, ein Symposium zum Thema an der Alpen-Adria-Universität statt.

Präsentiert wurden dabei die Ergebnisse eines Forschungsprojekts zu den Gewaltvorkommnissen in Kärntner Institutionen, speziell im Landesjugendheim Rosental und in der ehemaligen Heilpädagogischen Abteilung des Landeskrankenhauses Klagenfurt unter dem damaligen Primar Franz Wurst. Die Erkenntnisse des Projekts sollen in die überregionale Fachdiskussion um Gewalt in Institutionen eingebettet werden, um mögliche Maßnahmen für die gegenwärtige Betreuungspraxis und den wissenschaftlichen Zugang zur stationären Unterbringung von Kindern und Jugendlichen abzuleiten.

2013 wurde seitens des Landes eine Opferschutzkommission eingerichtet. 124 Betroffene wurde im Zuge dessen entschädigt. Ausgezahlt wurden etwas mehr als 1,3 Millionen Euro. Nach Schließung der Opferschutzkommission hat Sozialreferentin Prettner im Jahr 2017 die Kinder- und Jugendanwaltschaft mit der Weiterführung der Geschäfte der Opferschutzstelle betraut. Ende des Vorjahrs wurde die Opferschutzkommission wiederum reaktiviert. Mit der Reaktivierung der Kommission rechnen die Verantwortlichen mit mindestens weiteren 150 Personen, die sich an die Kommission wenden werden, weil ihnen in ihrer Kindheit grobes Unrecht angetan wurde. Man geht von mindestens 1,5 Millionen Euro an zusätzlicher Entschädigungszahlung aus.

Im Anschluss an das Symposium sagte Landeshauptmann Peter Kaiser, seine ersten Gedanken gingen an die Opfer dieser institutionalisierten Gewalt. „Ihnen wurde wehrlos als Schwächsten der Gesellschaft hemmungslos Gewalt angetan. Dies alles geschah unter dem Deckmantel von wissenschaftlichen Forschungen und der Medizin. Dies alles war eingebettet in ein System, das diese Taten gedeckt, vertuscht und die Betroffenen somit in einen Teufelskreis geschickt hat.“ Für den politischen Teil habe die Landesregierung die Verantwortung mit zu übernehmen und zu gewährleisten, dass sich Strukturen geändert haben. Dies sei in den letzten 20 Jahren bereits passiert, müsse aber auch heute weiter zukunftsfit gemacht werden, so Kaiser.

Der Landeshauptmann kündigte daraufhin an, Maßnahmen zu setzen. So sollen die Ergebnisse der Studie in einer Sitzung der Kärntner Landesregierung diskutiert werden und damit Bestandteil des kollektiven Gedächtnisses des Landes werden. Im Sinne einer entwickelten Erinnerungs- und Gedächtniskultur solle zudem an jenen Orten und Institutionen, wo wehrlosen Menschen schlimmstes Unrecht angetan wurde, darauf hingewiesen werden. Damit solle signalisiert werden, dass man aus dem Vergangenen die Konsequenzen in der Gegenwart ziehe, um solche Taten zukünftig zu vermeiden. „Es wird auch wichtig sein, Berufsgruppen, die mit Kindern und Jugendlichen arbeiten, weitere Schulungen und Unterstützungen zu geben“, so der Landeshauptmann. Die Menschenrechte der Schwächsten in unserer Gesellschaft seien in diesen grausamen Fällen über Jahrzehnte mit den Füßen getreten worden. Man dürfe nicht stehenbleiben, sondern müsse immer weiterarbeiten. „Mit dem Ziel, dass so etwas nie wieder auch nur ansatzweise passieren darf“, erklärte Kaiser.

Wie LHStv.in Beate Prettner erklärte, konnte man mit der Einrichtung der Opferschutzstelle eine Anlaufstelle für die betroffenen Opfer schaffen und Unterstützung zur Aufarbeitung anbieten. Man habe die Verantwortung übernommen und das Geschehene als Unrecht anerkannt. „Auch der Opferschutzfonds ist ein Zeichen unserer Verantwortung, auch wenn damit das Geschehene nicht mehr gutzumachen ist“, so Prettner. „Es war uns wichtig, dieses dunkle Kapitel in Kärnten aufzuarbeiten und die Verantwortung zu übernehmen“. Rund um die Person Franz Wurst habe es eine ganze Gesellschaft gegeben, dies sei auch der Anlass dazu gewesen, sich an der Unterstützung der wissenschaftlichen Studie zu beteiligen, um auch die Hintergründe institutionalisierter Gewalt zu beleuchten. „Wir sind willens, alles zu tun, damit solche Taten nie wieder passieren“, so die Sozialreferentin. Daher seien auch Maßnahmen wie das Vier-Augen-Prinzip, Supervision oder die Installierung eines Kinderschutzbeauftragten getroffen worden.

Astrid Liebhauser, Leiterin der Kinder- und Jugendanwaltschaft, bezeichnete die momentane Zeit als aufwühlende, belastende aber sehr wichtige Tage für das Land Kärnten. Man habe sich dazu entschieden, die Betroffenen nicht nur zu entschädigen, sondern dass die Geschehnisse auch wissenschaftlich aufgearbeitet werden müssen. „Denn es handelt sich um mehr als nur Einzelschicksale, die Studie hat schlussendlich sehr deutlich zu Tage gebracht, dass hier Netzwerke der Macht tätig waren.“ Die Berichte mittels einer Studie öffentlich zu machen, würde den Betroffenen auch kollektiv Glauben schenken, so Liebhauser.

Ulrike Loch, Leiterin des Forschungsprojekts zu den Gewaltvorkommnissen in Kärntner Institutionen, präsentierte die wichtigsten Eckpunkte der ausgearbeiteten Studie unter dem Titel „Im Namen von Wissenschaft und Kindeswohl – Gewalt an Kärntner Kindern und Jugendlichen in Institutionen“. Sie bedankte sich zudem für die zahlreichen Unterstützerinnen und Unterstützer der Studie und für den gestrigen Landesakt.

Universitätsrektor Oliver Vitouch sprach von sehr bewegenden und plastischen Beispielen, wie Begriffe wie Erziehung, Kindes- und Jugendwohlfahrt, Heilstätte oder Therapie in der Vergangenheit in ihr absolutes Gegenteil verkehrt worden sind. „All diese Verbrechen und Gräueltaten beruhen auf dem Zusammenwirken von Personen und Institutionen. Es ist eine wesentliche wissenschaftliche Frage, wie man präventiv dagegenwirken kann, dass Institutionen nicht mehr als Deckmantel für solche Aktivitäten dienen und missbraucht werden können“, so Vitouch zur vorliegenden Studie. Es benötige diese wissenschaftliche Aufarbeitung auch dafür, um Öffentlichkeit herzustellen und den Betroffenen damit Gehör zu verschaffen.



Rückfragehinweis: Büro LH Kaiser, Büro LHStv.in Prettner
Redaktion: Fabian Rauber
Fotohinweis: LPD Kärnten/Wajand


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